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Full text of "Rückwärts-Nachtflug"

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I f luß 3,{f. 

I <Q KHolz koLl^p ! /. (pYVLU^^uK 


Guten Abend zum Nachtflug 

*k 

Di e'i->'p.ben ^k^mo^ige . .jjjjy s i k c o 1 1 age besteht aus Rockmusikzitaten der 

40 ' ' 

letzten 20 Jahre, denen allen eines gemeinsam ist: spielt man 

bestimmte stellen aut den Platten rückwärts ab, werden Aussagen 
h ö r b a r , di e b e i m v o r w ä r t- s a b s p i e 1 e n n i c h t w a h r n e h m b a r s i n d . F a s t 

jeder Plattenspieler lasst sich leicht zum Rückwärtsspieler prä— 
parieren, indem der Treibriemen verdreht eingelegt wird. Zur 
Verdeutlichung hier noch einmal die Eieispiele aus der Collage. 


Die Eie r 1 i ne r Band 


. rai igemet i 


s t e 1 1 1 e i h r e r 


e r s t d i e s e s • J a h r 


erschienen blatte einen rückwärts eingespielten Satz vor ran. Die 
r ckwärts abgespielte, aber nur so erkennbare Aussage ist direkt 
d a h i n t e r g e s ch n 1 1 1 e n . 

O-Ton I 

Auch der Satz vom Schluss der c.-ollage. A record is reversi. ble , 

ire on high 


but 

1 1 

Tf 0 

is not, 

turn back , kur 

i! bat 

k %% 

fdem Stück 

des 

E 

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i g h t 0 r c: h e s t r a s 

ist 

p. 

n 1 1 1 , 

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dieser ve 

har rf 

Io 


Te c hn i k 

v e r Schlüssel i 

wo r os 

n . 



Was hier als absichtslose Spielerei erscheint, gewinnt 

bei der wohl bekanntesten Anwendung dieses Backmasking genannten 
Vert ahrens auch an inhaltlicher Bedeutung. D a s Stück Revolution 
iVf. 3 aus dem White Album der Beatles beginnt mit einer Stimme, 
die mit eicjenar tiger Eletonung die Worte Number 3 wiederhol t 
Prent man diese um, ist mit etwas kl u he der Satz turn me on oeao 
man zu verstehen. Vorwärts und Rückwärts Version sind hier mehr- 
fach h i niete i nander ges-tel-1 1-.- 
0 —Ton 1 I 


■>* 

T 4 - 


Turn me on dead man, ein verweis auf möglicherweise sa tan is ti- 
schen Einfluss, auch die Technik des Backmasking ist hier 

w e s e n t ]. i c h v e r 1’ e i n e r t e x n g e s e t er t . N i c h t O i e b 1 o s s e t e c h n i s c h e 
Umkehrung eines ansicki vorwar ts gespr oc henen s.atzes mi thi 1 f e 



eines f onoandgerats , die, wie in dem ersten Beispiel 


entspre- 


c h e nd 1 e i c h t z u e n 


:hlüsseln ist, kommt hier zur Anwendung, 

sondern eine laut malerische Struktur ierunq des vorwärts:- Gesproc- 
hen auf eine umqedreht enthalten Botschaft hin. 


ivf diese subtile Variante im Zusammenhang mit 

dem Satanskult gibt es Beispiele aus den 70 iger 

Jahren Die bekanntesten Namen darunter sind die Eagles, Pink 

F 1 o y d u n d Led Z e p p e 1 i n . ii e r a d e 1 e t z t e r e b r achte n e s z u w a h r e r 
Meisterschaft im Backmasking In dem Stück Stairway to heaven 
gibt es eine Textzeile in der sechsten Strophe, in der von zwei 
Wegen , zwischen denen eine Wahl möglich ist, gesprochen 'wird 
Yes there are two path you can go by , but in the Ion run there is 
still time to c hange the read your on . Dreht man diesen Satz um, 
t eine Ausage zum Vorschein, die sich auf den vorwärts ges- 
ungen Text bezieht. Die Entscheidung für einen Weg , den des 
Satans, ist gefallen. There is no escaping it , i ts my sweet 
satan. The one will be the path, what makes me sad, whose power 
is satan. Zum besseren Verständni ss ist die Umdrehung des Textes 

r zu hören. 


in e ts r t ach h i n t e r e i n a n d e v 



57 1 2f 

© 


1. Trailer rückwärts 

2. Rockcollage 

3. Rückwärts— Rock mit Erläuterungen 
zwei Methoden 

Background: PI atten Verbrennungen in den Südstaaten und 

Australien. Satanische Botschaften als Li eb 1 i ngspar anoi a von 
"Diagnosen", Lyndon LaRouche (EAP), etc. Beatles und 
Maharishi Mahesh Yogi. / Zu ELD: Das 'turn back' ist 

o-ffensichtlich als Aufforderung zur Umkehr gemeint. 

Gerichtet an diejenigen, die sich dem satanisch inspirierten 
Rückwärtshören verschrieben haben. Mit erhobenem Zeigefinger 
und listigem Lächlen wird eine Belehrung in Sachen Physik 
gegeben: "The music is reversible, but time is not..." Wir 

werden noch sehen, daß die Physik da ganz anderer Meinung 
ist. Bis dahin läßt es sich als Didaktik abbuchen. Genauso 
wie die Passage der Band 'Petra' im Stück 'Judas Ki ss ' , wo 
es rückwärts grammatikalisch verstümmelt heißt: "What are 

you looking the devil for, when you are looking for the 
Lord . " 


4. Ein Hinweis für die Suggestivkraft der versteckten, für d 
Bewußtsein nicht zu entschlüsselnden Botschaft: ‘'Als ich 
einem Freund von diesen seltsamen Musikerlebnis^ferzählte und 
die Led Zeppelin erwähnte, assoziierte er, wie er mir später 
sagte, ohne etwas näheres zu wissen: Stairway to heaven. 

Satanskult und L^$ Zeppelin zusammenzubringen ist nicht 
schwierig. Aber "ausgerechnet de^r f 1 auschi g— sof te^i Anfang 
d i ese>St üc ks äa»lt-in Zusammen ha og zu -fari-ng ecc_lst A */-;<_ • >;{' 
signifikant üb er z uf ä 1 1 i g . 

Heißt das, wir haben es mit ausgefeilter Subliminal— 
Technik zu tun? Botschaften, die nicht ans Bewußtsein 
dringen, die aber gerade deshalb im Unterbewußtsein ihre 
Wirksamkeit entfalten? Stecken dahinter Med i en— Physi ol oqen , 
die wissen, daß ein Einzelbild in einem Film, das eine 
Cola.dose zeigt, den Konsum des amerikanischen Sprudels in 
der Pause hochschnellen läßtr" Oder die wissen, daß bestimmte 
Frequenzen uns beruhigen, zur Arbeit sntreiben oder 
aggressiv machen. Vielleicht haben sie eine Instanz im 
Gehirn entdeckt, die die Rückwärtsbotschaften umzudrehen 
vermag , und der flüstern sie ihre Sat ansbekenntni sse ein. 

Wir haben bislang nur einen einzigen Hinweis auf das 
Produktionsverfahren finden können. Er entstammt dem Buch 
"Die okkulte Seite des Rock" von Fernando Banol , einer recht 
fragwürdigen Quelle. Andererseits ist es nur eine Frage, wie 
weit man sich selbst paranoisch infizieren läßt, ob man der 
folgeren Darstellung folgt. Sie wird einem Jonny Todd 
zugeschr i eben , ehemals leitender Direktor der "Zodiac 
Product i ons " , dem "größten Zusammschenschl uß von 
Schal 1 pl attenf i rmen in den USA." 



Jonny 


T odd 



c ) 

nen. Alle erwähnten Publikationen hangen zusammen und verbreiten In etwa die glei- 
che Ansicht Uber die okkulten Wirkungen der Rockmusik. Ich möchte mich deswegen 
auf zwei Zitate aus dem Buch F. S. Baflols beschranken, um dem Leser vorzuführen, 
welch' plumpe Geschichten aufgetischt werden, die man ansonsten nur noch In Toll- 
hausern findet: 

"Die Moderne Musik, mit all Ihren Varianten, wird - überflüssig, es zu sagen - vom 
'Ewigen Nächtlichen Feind' dazu benützt, erstens jeden möglichen Lichtstrebenden 
vom Weg abzubringen und Ihn zweitens dann ln der Finsternis zu fesseln, wie auch 
die Menschheit Insgesamt. 

Wenn auch das WORT In enger Verbindung mit dem Sex steht - Quelle des materiel- 
len und geistigen Lebens -, die Musik des Egos (der niederen Persönlichkeit) erleich- 
tert dennoch die Degeneration der Menschen so weit, dal) sie In Scharen gewillt 
sind, höllische Welten zu bewohnen." (S. 28 f.) 

Ob an der folgenden Darstellung überhaupt Irgendetwas Wahres Ist, vermag Ich nicht 
zu beurteilen; man läßt einen Mann namens Jonny Todd, seinen Angaben nach ehe- 
mals leitender Direktor der "Producclones Zodlaco", dem "größten Zusammenschluß 
von Schallplattenfirmen und Gesellschaften für Konzertaufnahmen In den USA", be- 
kennen: 

"Wenn man eine Matrixaufnahme (von dieser einen werden alle anderen Schallplat- 
ten ba^att) fertiggestellt hatte, wurde diese Matrix In einen Saal 

gebracht, der nie für die Öffentlichkeit zugänglich ist, und dort auf einen Altar ge- 
stellt, der sich Im Norden des besagten Saales befindet, zusammen mit einer Brief- 
rolle und einem umgedrehten Stern - alles steht Innerhalb eines Kreises, der auf 
dem Boden aufgezeichnet Ist. 

13 speziell ausgewählte Personen rufen " Colba n" an. Sie legen die Hände auf und 
rufen zu den Dämonen, daß sie erscheinen" mögen. Dann führt man die Anrufung des 
'RIja' durch (der Fürst des Satankults), damit er den Dämonen befehle, daß sie je- 
de von dieser Matrix aufgenommene Schallplatte ödes Kasxtln begleiten; das ge- 
schieht mit jeder Schallplatte, die filr eine der großen Firmen hergestellt wird und 
dies Ist zugleich der Grund, warum die Leute sie kaufen, denn sie enthalten Zaube- 
rei ..." (S. 82) 



Nach weiteren sehr unglaubwürdigen Darstellungen, daß fast die gesamte Rockmusik 
von Dämonen Inspiriert und auf den Platten mit einer angeblichen Hexensprache un- 
terlegt sei, kommt besagter Jonny Todd zu folgendem Ergebnis: 


Q 

3, 


"Es genügt nicht, keine Rockmusik mehr zu hören. Es ist notwendig, alle diese 
Platten zusammenzusuchen und sie zu verbrennen. Leider behalten sie die Leute wei- 
terhin bei sich und bringen alle nur erdenklichen Entschuldigungen vor. Doch was 
Immer es sei. Ich weiß, daß es Lüge Ist. Ich habe Leute gesehen, die ohne Musik 
In einen schrecklichen Zustand fielen, well sie deren Gefangene sind. In der satani- 
schen Welt weiß man, daß die Mehrzahl der Lieder Hexerei ist, von Dämonen In- 
spiriert. 'Hotel California' war eines der mächtigsten Lieder, die geschrieben wur- 
den." (S. 85 f.) 


Jeder mag dazu seine eigene Meinung bilden, aber Ich denke, daß vieles für sich 
spricht. Es Ist mir momentan nicht zu beurteilen möglich, ob ein wahrer Kern In 
diesen Aussagen liegt; die Darstellungsart des Buches, seine Unwlssenschaftllchkelt 
und der moralisierende Stil lassen es aber eher unglaubwürdig erscheinen. 


Wenn man gewisse Rockpiatten rückwärts spiele, so höre man Botschaften des Sa- 
tans, so heißt es Immer wieder. Ist es wahr oder Ist es auch ein Ammenmärchen? 


ISS - FLENSBURGER HEFTE 


( 


1 

i 


Daß es vielseitigste Manipulationen Werbung jd^In^ Filmen M 

Geheimnis - gleich ob es nun v ® r ® tec . . Filmen die man mit dem normalen 

in der Reklame sind oder Kurzelnblen g „ch halbwegs aufmerksa- 

Bewußtseln nicht wahrnehmen kann ^ dem 8^ Y( , g , 

men Zuhörer nicht verborgen gab eben daß seitdem « „ vlele Rock- 
ige? über die Deatles weltweit für seine TM Bewegung ^ 

musiker In zunehmendem Maße für vejscW der R gleiche B n yor allem In der 

sehe, offen waren und sind, in aufgesetzte Modeerschel- 

Heavy-Metal -Szene zu -J’wVterer Ernst. (Uber die Verbreitung des Grauen 

nung; hin und wieder allerdings 1 heutigen Jugendlichen, werden wir in 

£ ÄntSrneftes Nr 13. "Hexen. Schamanen. Spiritismus ..." 
berichten. Es erscheint im Frühjahr 1988.) 


Backward-masking 

... ... «. » '»««» 

wollte es wissen! Bevor ich es nicht s g z ' elt die mir für Recherchen 

sä.“ -%» . « - 

lieh waren: 

len Anrufern, die Backward-masking-Technik eriautert. Er hat s c 
viele Jahre mit diesem Phänomen auseinandergesetzt 

srr-rj'SÄSs: ä- - — 

Hanen" dleTch^mi« Freunden selber rückwärts aufgenommen und ge- 
den unterschwellige Botschaften rückwa^t f ^ Sp(jren des n oder 32 spuren 

Das geschieht entweder dadurch, d rückwärts einspielt, bevor man al- 

breiten Bandes bei . d ® r . fi ^ U ^ d ® lx 'äuf ein Band normaler Breite überträgt. Die vor- 
les durch entsprechenden Soundmix aut ‘ Aufnahmen der einzelnen Instrumen- 

schledenen Tonspuren werden Jlner dieser Spuren kann man somit ohne größe- 
re rsr 

teH^man ‘ hört “deiT Text Viickw äAs,^wenn Z die Platte bzw. das Band vorwärts läuft. 

Die zweite Methode Ist die hau f.ger r ^ngewa^dte nJUn 

aus, daß sie - i ^»dbei^Ä Abspielen sehr viel schwerer zu entschlüsseln. 

’äXT' M » **> >“ 


FLENSBURGER HEFTE - IM 

© 





IG. Der Teufel sbraten Charles Manson wurde mit seiner 
Vorliebe -für das Weiß Album bekannt. Little Piggies und 
Heiter Skelter stand in Blut an der Wand nach dem Mord an 
Sharon Tate und bei den anderen. In einem Interview, das er 
1971 mit Manson -führte, -fragt ihn David Felton nach der 
Bedeutung des prophetischen Buches des Neuen Testaments, der 

, Johanes— Offenbarung , Kapitel 9, auf englisch: revelation 9: 

"Was glaubtst du, daß es bedeutet? Es ist die Schlacht 
von Armageddon. Es ist das Ende der Welt. Das Beatles-Stuck 
\ "Revolution 9" hat mich drauf angetörnt. Es sagt den Umsturz 
des Establishments voraus. Die Grube wird geöffnet und dann 
wird alles untergehen. Ein Drittel der Menschheit wird 
sterben. Die einzigen, die davonkommen, sind die, die das 
Siegel Gottes auf ihren Stirnen haben. Du kennst den Teil, 
wo es heißt: 'Sie werden den Tod suchen, und nicht -finden. ' ” 

"Warum glaubst du, daß diese Revolution, die in 
'Revolution 9' vorausgesagt wird, eine gewalttätige wird" 
Warum eine der Rassen?" 

"Hast du von den Muslims gehört? Hast du von den Black 
Panthers gehört? Engländer, erinnerst du dich daran, wie du 
betenden Muslims den Kop-f abgeschlagen hast während du das 
Kreuz auf deiner Rüstung trugst? Kannst du es dir 
vorstel 1 en? 

Na. ja, Vorstellung ist das gleiche wie Erinnerung. Du 
und die ganze Westliche Menschheit ihr habt sie getötet und 
: verstümmelt und jetzt sind sie wiedergeboren und sie Werdens 

euch zurückzahlen. Der Diener ist immer schlauer als der 
\ Herr . " 

\ "Glaubst du wirklich, daß die Beatles das alles 

\ absichtlich sagen wollten?” 

^ "Ich glaube, es ist ein unbewußtes Ding. Ich weiß 

nicht, ob sie das wollten oder nicht. Aber es ist da. Es ist 
eine Assoziation im Unterbewußtsein. Diese Musik bringt die 
Revolution hervor, der unorganisierte Umsturz des 
Establishments. Die Beatles wissen das, in dem Sinne wie das 

■ Unter bewußtsei n weiß.” 

1 1 . Musi k 


12.J Ragman 



RAGMAN 


( 9 


In dem amerikanischen Spielfilm Ragman (.IS-ÖGl , der in 

den deutschen Kinos zwar angekündigt war, der dann aber nie 

^ CG'vj- 

gecpi^It wurde, geht es um eine rückwärts abzuspielende 
Platte, mit der magische Kräfte beschworen werden können. 
Es sind die unheimlichen Kräfte des verstorbenen Rock-Idols 
Sammi Curr, dessen gewalttätige, sodomit ische , obszöne 
Shows das Blut der Bürger gerinnen liessen. Eddie, sein 
größter Fan, Träger von Totenkopf-T-shirts und im Kreis 
seiner Mitschüler stets gehänselter und drangsalierter 
Außenseiter, bekommt über den DJ eines kleinen Senders das 
"Vermächtnis" Sammi Currs in Form einer einmaligen Platte 
zugespielt. Als er entdeckt, daß er "rückwärts" Kontakt mit 
Curr auf nehmen kann, tun sich ihm ungeahnte Möglichkeiten 
auf. Er beginnt, sich mithilfe magischer Unterstützung an 
seinen Peinigern zu rächen. Aber was als harmlose 
Heimzahlung anfängt, wächst sich zum nackten 
Halloween-Horror aus. Eddie wird die Geister, die er rief, 
und mit denen er einen Pakt schliessen mußte, nicht mehr 
los. Die beim rückwärts Abspielen der Platte zu hörenden 
Texte bleiben nicht passiv gespeicherte Phoneme, keine tote 
Stimme, sondern sie verändern sich. Curr spricht mit Eddie 
und gibt ihm Anweisungen; er hält ihn in seiner Gewalt und 
will ihn zum Werkzeug seiner blinden Zerstörungs- und 
Mordwut machen. Als Eddie aussteigen will, kehrt sich der 
Rachegeist Currs auch gegen ihn. Sobald ein Radio-Empfänger 
mit Strom versorgt wird, kann der grauenhafte Curr ihm 
leibhaftig entsteigen, um seine Blutorgien zu zelebrieren. 
Der rückwärts ins Leben gerufene Dämon kann sich durch das 
Stromnetz materialisieren. Und so kann er auch durch den 





Bildschirm 


(D 

eines TV-Gerätes hindurchgreifen, um sich einer, 
plappernden Bürger aus einer Talk-Show zu schnappen und ihn 
als verkohlten Torso vor den Apparat zu werfen. Nur noch 
die Vernichtung sämtlicher Bänder mit den rückwärts 
eingespielten satanischen Botschaften wird dem Schrecken 
ein Ende bereiten können... 


13. Der Film Ragman zeigt ein Medi enscenar i o: Platten, 

Bänder, Radio, Fernsehen — die technischen Medien sind immer 
auch spiritistische Medien. Daß sich Mediengeschichte 
eigentlich nur als Geistergeschichte auf -fassen lässt, zeigt 
ein Blick ins 19. Jahrhundert . Die Spiritisten gehörten 
jeweils zu den ersten, die sich eine technische Innovation 
zunutze machten. Fotographie diente den evozierten Geistern 
dazu, sich zu manifestieren, einer, Abdruck ihrer Aura zu 
hinterlassen. Auf den Wachsrollen der frühen Grammophon! e , 
wie im Rauschen der Telephonie fanden sich Botschaften von 
okkulten, von imaginären Sendern. 

Wie bei rückwärts eingesprochenen Rockplatten gab es 
damals diejenigen, denen solche Nachrichten Vergnügen 
bereitet, und die, die sich davon bedroht fühlten. Die 
Paranoiker in den I rrenanst al ten , die bekanntlich über ein 
geschärftes Bewußtsein verfügen, klagen seit Ende des 
19. Jahrhunderts über Verfolgung und Zermürbung durch Medien. 
Da werden Antennen auf sie gerichtet, Magnete und 
elektrische Ströme reizen ihre Nerven und ziehen ihnen die 
Gedanken aus dem Kopf, Spiegel lenken Strahlen auf sie, im 
Telephon, in den Zeitungen und, mit seinem Auf tauchen, auch 
im Radio sind geheime Botschaften versteckt. 

Vielleicht sind unsere Racksänger, denen wir das Wort 
im Mund umgedreht haben, ja ganz unschuldig. Sie sind 
unwissende Medien irgendwelcher Dämonen. Das Phänome ist 
seit langem bekannt. Es trägt den hübschen Namen 
' Gl ossal al i e ' , d.h. Zungenreden. Im neuen Testament wird von 
dem berichtet, was den Aposteln zu Pfingsten widerfuhr: 

I "Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie 

eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie 
saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von 
Feuer. Und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und 
fingen an, zu predigen mit andern Zungen ,^nach dem der Geist 
ihnen gab auszusprechen." 

Vom ekstatischen Reden in fremdem Sinn wird immer 
wieder berichtet. Auch die Psychologie kennt das Phänomen. 
Sollten auch die umgekehrten Rocknachrichten ein Beispiel 
dafür sein? Oder ist es vielmehr unser Hören, das noch jedes 
sinnlose Gestammel und Gezische hermeneutisch zu 
entschlüsseln versucht'? . „ . s, > r 

Was sollen wir z.B. von ^'1 .‘i .°' 'denken . Im Handumdrehen 
taucht aus seinem harmlosen Li ebesst üc kchen .'I'.’ der Ruf 
'Hit me' auf. Bekennt sich hier ...s Unterbewußtsein zu 
einer verborgenen, masochistischen Neigung? Ist er Medium 
eines Dämon^, dem^ sei ne Musik nicht gefällt? Ist er — 
immerhin 1 Vorläufer des Backwardmasking? Oder doch nur 

unsere Hörparanoia? 


1 4 - Musi k 



7. Die Frage ist immer noch ungeklärt, ob mehr dahinter 
steckt, als eine Modeerschei nung , ob jemand damit einen 
Zwei- k v'er-foi gt , eine langfristig wirksame suggestive 
Beeinflussung über das Unterbewußtsein. Oder eine infame 
Verkaufstechnik vielleicht, die auf die Kassiberintimität 
gewisser "eingeweihter Kreise" setzt. Wir bekamen dazu einen 
v °n Heimut Höge aus La Jolla, Calif ornien. Er schreibt 

uns : 

Lieber Volker, 

du batest mich vor der Abreise, hier in Los Angeles ^as über die wahren 
Hintergründe des "Backmasking" herauszufinden. 

Eine Weile lang schwankte ich unschlüssig zwischen Empirie und Spekulation 
- also zwischen Rausgehen, mit irgendwelchen Plattenleuten und Musikern 
reden oder im Bett bzw. am Strand liegen bleiben und mir ein paar Gedanken 
darüber machen. 


© 


Trotz der Hitze entschied ich mich dann für ersteres - schließlich ist 
hier Amerika und da gelten nur "Fakten", wozüTgenaugenommen zwer etwas 
tm ? vom Hörensagen ("Hearsay") Bekanntes nicht zählt, aber lassen wir 
i** derlei erkenntniskritische Spitzfindigkeiten außer acht (ich nehme 
an, bei euch ist es jetzt genau so warm wie hier!). 

Im Telefonbuch von Los Angeles stehen über 1200 Adressen von Kirchen 
und religiösen Vereinigungen, darunter ca. 40 satanistische. 

Ich habe aber stattdessen Mark Bradey angerufen - er produziert im 
ehemaligen Studio von Ike Turner Platten, in der Hauptsache für RCA. 

Wir trafen uns in einem Cafe in Venice. 

Hier nun, was er zum Thema "Backmasking" zu sagen hat: 

(Er brachte mir übrigens die Photokopie eines Artikels darüber - von 
Dave Abramsön - mit, die ich diesem Brief beilege) 

Die Rockmusik ist schon seit langem ein Geschäft wie jedes andere geworden. 
Junge Musiker, die groß herauskommen wollen, müssen sich in ihrer Musik 
und in ihrem Auftreten den jeweils aktuellen Trends anpassen, gleichzeitig 
aber um ein eigenständiges "authentic Image" bemühen - es muß "was 
rüberkommen, you understand?" so Bradey. 

Die ewige Quadratur des Warenzirkels also. 

Seitdem diese Musik aber nicht mehr als Ausdruck und vor dem Hintergrund 
einer sozialen Bewegung, vom Establishment bekämpft, in alle möglichen 
Bereiche vorzudringen versucht, sondern um Markt-Segmente kämpft, 

also mit Begriffen wie "Management", "Verkaufsstrategie", "Akzeptanz" 
und "Hörerwünsche" operiert, ist ihre "Message" unterderhand abhanden 


gekommen. 

Phänomene wie die Dechiffrierclubs der "Grateful Dead", die Scenesum 
"Jefferson Airplane" oder um "Frank Zappa" gibt es nicht mehr, und die 
Alternative zwischen "Michael Jackson" und "Prince" ist nicht zu vergleichen 
mit der zwischen "Elvis Presley" (dirty) und "Pat Boone" (clean) seinerzeit. 

An diesem fading away des Sozialen kann auch das Engagement einer 
Band für \ielson Mandela oder für Ronald Reagan nichts ändern, obwohl 
das eine vielleicht intelligenter als das andere sein mag. 


In dieser Situation des anything goes versuchen die Musiker. Produzenten 
und Plattenfirmen alles mögliche, um ihre LJerke den Disc-Jockeys und 
Kids nahe zu bringen. 

Die Dead Kennedys lassen sich ihre Platten-Cover von -Hrff Gieger, der 
übrigens mit dem Satanismus liebäugelt, gestalten. Und weil diese Caver 
verboten werden, sind einige Kids besonders scharf darauf. 

i , 

Die Radio-Stations interessieren sich aus begreiflichen Gründen nicht 
besonders für Cover, also versuchen es Gruppen mit "gewagten 

Texten", die von den Tugendwächtern der Moral Majority tfaw. -uon , irgendwelchen 
möchti gei i ui Id' di l ipPii idl i ohenTeli g i ö sen-Grupp en^ sofort verdammt werden. 

Mit Glück kommt die betreffende Platte dann auf den Index und einige 
Disc-Jockeys können es daraufhin "wagen", sie trotzdem zu spielen, und 
sich ganz radikal dabei Vorkommen. 

"Kill the Pope", "Fuck the President", "Fleil Flitler" oder irgendetwas in 
der Art bewirkt in Amerika immer noch Wunder. 

Das war damals schon so in Berkeley, wo man monatelang unbeachtet 
gegen den Vietnamkrieg demonstriert hatte. Bis eines Tages jemand mit 
einem Schild "Fuck the War" herumlief: zwei Minuten später wurde er 
verhaftet, bis zum Abend waren es elf Verhaftete. Mit einer ähnlichen 
Provokationsstrategie hatten zuvor auch die Tupamaros gearbeitet, noch 
erfolgreicher: niemand außer der Polizei nahm Notiz von ihnen, so lange 
sie Bomben legten, aber als sie anfingen, Politiker und Prominente als 
"Schwanzlutscher" und "verdammte Flurenböcke" zu beschimpfen, war 
der Teufel los. 

Apropos: Seit dem Ende der Siebziger Jahre ist hier wie im übrigen Amerika 
eine Art von religiös-fundamentalistischer Neubesinnung losgetreten 
worden. In Deutschland würden die Kids auf solche Saubermänner-Feldzüge 
mit Flakenkreuzschmierereien reagieren, in Kalifornien besinnt man sich 
auf die alten Satanisten: die Prollis und Zukurzgekommenen auf Charles 

Manson, die Studies auf Kenneth Anger. . 

k'L Ute-™* 

Bradey hält beide für "Spinner", erst recht diejjetzt ihre 1 satanischen 


Weisheiten aus ihnen 
Manson bekam seine antichristlichen Messages seinerzeit bereits durch 
"Backmasking" einiger Beatles-Platten, und Anger inspirierte eine zeitlang 
die Rolling Stones satanistisch. 

Das Problem bei diesem ganzen Zauber war-««ürt nur, daß luziferische 
Rituale, Versammlungen und Messen, selbst wenn dabei irgendwelche Jungfrauen 
geschändet und Ziegenböcke abgeschlachtet werden, ähnlich attraktiv 
sind wie Kirchentage, Gottesdienste und Sektenbeauftragte. 

In anderen Worten: den Kids war eher nactT»Satisfaction und Street- 
Fighting zumute. 




Zur selben Zeit ais Muehl und \itsch mit ihren aktionistischen Blutorgien 
provozierten, verausgabte sich die Titanic mit ihren Anti-"Pilien-Paul"- 
Geschichten. 

Heute kann man darüber nicht mehr lache n, nicht einmal mehr über die 
Politiker-UJitze im Scheibenwischer: selbst die politischen Institutione n 
sind mittlerw eile obsolet. 

Schon gar nicht kann eine Band mit irgendwelchen ferfemten Messages 
heute noch reüssieren, d.h. über die drei, vier Treffpunkte ihrer Scene 
hinaus Leute zum Kauf ihrer neuesten LP bewegen, weil das, was sie vielleicht 
für ihre Scene bündig mu\sikalisch und textlich artikulieren, an Wünschen 
und Begehren, bei anderen auf Unverständnis stößt bzw. sie völlig kalt 
läßt. 

Deswegen halten sich die meisten Musiker damit auch gar nicht lange 

auf und besingen gleich und ausschließlich die "Liebe" und das "Unve rstandsein". 

- dies in den entsprechenden Genres (Heavy Metal, Soulfunk, Popmix, 

Fusion, Ethnopop, Punkrock, etc.). 

In anderen Worten: Sie versuchen professionelle Musiker zu sein und 
.^machen Kunst. 

Das langweiligste überhaupt: arme kleine Schweine , die in der Hobby- 
und Unterhaltungsindustrie groß rauskommen wollen. Aber immerhin: 

Es gibt die Sinngeber, die davon leben, diese Produkte mit Bedeutung 
aufzublasen und es gibt die vielen vielen Sinnsucher, junge Menschen, 
die ihrem jämmerlichen Türkendasein einen Sinn geben wollen. 

Die Wissenschaft ist grobschlächtig, das Leben subtil, deswegen brauchen 
wir die Literatur - so sagte es einmal Roland Barthes. Und für die nichtliteratur- 
lesenden Teenager gibt es die Rockmusik, so könnte man hinzufügen. 

Da diese Rockmusik aber mittlerweile so völlig sinnentleert ist, kam irgendjemand 
auf die Idee, /laut Bradey hieß er Dan Wirtz und war Tontechniker in 
Hollywood /den Songtexten eine geheime - mit gewissen Mühen dechiffrier- 
bare - Bedeutung unterzulegen. Praktisch wie die Amerikaner sind, war 
dazu keine hermeneutische Anstrengung mehr nötig (wie vielleicht noch 
zum Verstehen eines Dylan- oder Morisson-Textes), sondern nur noch 
ein technischer Kniff: die entsprechend sinnpräparierte Platte mußte 
man rückwärts abspielen. So wie es Charles Manson und seine Horrortruppe 
auch schon praktiziert hatte - io orw- a uch om f e lsU ihl I. weil unpräpanrrten 


Mit diesem Backmasking erreichte man dreierlei: 

1. kreierte man erneut eine Aura der Subversion (wie sie in den alten 


Tagen jeder Rockmusik noch anhaftete). 

2 . Entstanden durch diesen Kunstgriff Eingeweihte und IXiichteingeweihte, 

ni'BU-WniTi : Fe i 


also eine Fan-Scene von Wissenden (was früher durch Rauschgifte und 
bestimmte Musikstücke erreicht wurde). 

Und 3. flankierte die über die Fans an andere weitererzählte Geheimbetschaft 
die öffentliche Werbung der Plattenfirma aufs Denn den öffentlich 


arbeitenden Sinngebern und Public-Relatien-Leuten glaubt sowieso kein 
Schwein mehr irgendetwas. Außerdem ist das Selbstdechiffrieren ähnlich 
sinnerfüllend wie die Selstfindung und sowieso kann sich jeder Jungami 
leicht an technischen Spielereien begeistern. Vor allem, wenn diesem 
noch der Ruch des Verruchten anhaftet - wie beispielsweise «ccsatanistischen 
Botschaften, oJ« v £ o \ cx. - 

Wir hatten so etwas gerade llitei Bremen, wo die Gruppe Ulbricht 

(eine Arbeitskreis der Universität) eine satanistische Messe coram publiC:0\ 
zelebrieren wollte. Davon erfuhr die Lokalredaktion der taz, die sofort 
Mitveranstalter werden wollte - und wurde. Als nach der Veranstaltung 
aber die evangelische Kirche und die CDU gegen diese Blasphemie pro- 
testierten, distanzierte sich auch die taz-Bremen von dieser frevelhaften 
Show - sie hätten nicht gewußt, daß es etwas derartig Obszönes sein 
würde, schrieben sie anderntags in ihrem Blatt - selbstkritisch. 

Zurück zum luziferischen Backmasking: Ich bin mit Bradey einer Meinung, 
daß die auch hier in Kalifornien seit einiger Zeit überall aus dem Spekulations- 
boden sprießenden ^5$RS%«£pi eihallen für Jugendliche weitaus subversiver 
sind als diese versteckten Messages auf Schallplatten. 

1. Sind Botschaften, Sinnsprüche, sowieso überflüssig. 

(Diese ganzen früheren Hickhacks über irgendwelche "Parolen" waren -sd.c.h, 
nicht mehr als üb E ^Tjjaaigc Wichsereien!) 

Und 2 . ist die Rockmusik auf Schallplatten mittlerweile, ob mit oder ohne 
Satanismus, nur noch eine Form von Umweltverschmutzung. Die akustische 
Avantgarde arbeitet sich an der Heimtücke von Geräuschen ab und mir 
ist die Stille am Liebsten. 

irh ' V jpppr 71 .pCinLiJrt^-Pi inkhai iq — 

Ich hoffe, daß dir meine Hearsay-lnformationen von Bradey irgendwie vov-> 
hiCr^^ gja sind. Ansonsten kann ich dir nicht weiter dienen. 

Doa-trioopor ^-gß-GFadr-slie Wellen sind großartig und ich denke nicht 
dran, noch weitere Recherchen zum Thema Backmasking iMBIi anzustellen. 
Notfalls mußt du deine Sendezeit mit dem Abspielen irgendwelcher % 
Rockmusiken über die Runden bringen. 

Aber wie auch immer, du schaffst es! 

Bis bald 


^?.S. M 






15. Es ist verschiendentlich behauptet worden, daß die 
Technik des Rückwärtssprechens aut Aleister Crowley 
zurückgeht. Crowley war Magier, Mitglied des Ordens "Golden 
Dawn", Begründer der Sekte von Thelema, Er praktizierte alle 
Arten von magischen Techniken. Er war mit der Kabbala 
vertraut. Sex and Drugs and Magic und - zumindest als 
Antizipation auch Rock 'n' Roll. "Let hi m practice speaking 
backwards" heißt es in einem seiner Bücher. Aut dem Cover 
der Beatles— LP "Sergant 
auch Crowlev abqebi Idet 


Pepper 's" ist in der Menscheng; 
und zwar der zweite von links 


der oberen Reihe 
auf dem Album abc 


die 


, warum 

habe R 


gerade 
nao St. : 


di « 

irr 


Llti 


geantwortet: "These are the people who have influenced u 

Auch den Led Zeppelin wird eine Beziehung zu Crowleys Ma 
nachgesagt. Ihr Leadgitarrist Jimmy Page wohnt heute im 
von Crowley in Boleskine bei Loch Mess. 

In Crowleys Hauptwerk 'Magi cfc ' findet sich eine 
Bemerkung über Shakespeare, die genauso auf ein 
hypersensibles Zeitgeistbewußtsein, das Wirken von 
morphcgent i sehen Feldern o.ä. hindeutet, wie bei Mansc-n: 
"Ein wahrer Dichter kann nicht anders, als in seiner Kunst 
sich selbst und die Warheit der Dinge zu offenbaren, ob er 
sich dessen bewußt ist, was er schreibt, oder nicht.” 

Crowley selber war als Eingeweihter höchsten Grades 
natürlich nicht auf so vage Informationen angewiesen. Von 
Frater I.A. läßt sich annehmen, daß es sich um Crowley 
selbst gehandelt hat. Von ihm heißt es in 'Magi ck ' im 


Kapitel von den barbarischen Namen der Evokation: 

"Dem Frater I.A. war als Kind gesagt worden, er könne 
den Teufel beschwören, indem er das 'Vater unser' rückwärts 
wiederholt. Er ging in den Garten und tat dies. Der Teufel 


U! Dl X 



Rüchwär t T 



und erschreckte ihn sc 


t- 


I erschien ihm 
wäre. " 

Die Umkehrbarkeit eines- 
magischen Bewegung und damit 
ist offenbar aus der Kabbala 
noch ausgeprägter , wenn auch 
dunkel, im Kapit 


Namens . 


daß er beinah oestorben 


einer Anruf una oder 


die Umkehrbarkeit ihre; 


>i nn; 


1 “ 


Bewequnqsarten de? 


abgeleitet. Sie -Findet sich 
in ihrer ganzen Tragweite 
von den Gesten. Hier ist die Rede van 
Magiers im magischen Kreis. 


der 


es 

Qi 


"Eine wichtige Bewegung ist die Spirale, wovon 
Grund-Formen gibt, eine nach innen, eine nach außen, bie 
können in jede Richtung voll-führt werden. Und, wie die 

d . h . im 


Zirkulation, rufen sie an 


wenn 


;ie deosi 


wenn sie nach 
Soirale ist der 


Urzeigersinn, ausgeführt werden, und bannen, 
der entgegengesetzten Richtung gehen. In der 
Tritt leicht und lebhaft und nähert sich fast einem Tanz: 
während der Magier ihn ausführt, wird er sich gewöhnlich um 


ei gene 

Qi 


Achse drehen, entweder i; 


derselben Richtung 

3 ede 


sei ne 

wie die Spirale oder in der entgegengesetzten Richtung 
Richtung beinhaltet einen anderen Symbolismus." 

Eine Fußnote zu dieser Stelle verspricht mehr, als 
^ rgendwo anders im Text eingelöst würde: 

"Neben dieser trad i t i onel 1 en Interpretat i on gibt es 
eine t i ef er 1 i egende Absicht, die durch die Richtung der 
Umdrehung ausgedrückt werden mag. Bestimmte Kräfte von 
furchtbarstem Charakter können durch entgegengesetzte 
Umkreisung angerufen werden, wenn sie mit ihnen als Ziel und 
mit der initiierten Technik ausgeführt werden. Für solche 
Kräfte ist Typhon der Archetypus und der 
Krieg der Titanen gegen die Olympia die dazugehörige 
i — eaende. . . 



16. Die Kabbala, auf die Crowley häufig Bezug nimmt, stellt 
die esoterische Tradition des Judentums dar. Sie tauchte in 
einer mythischen Renaissance zwischen dem 12. und dem 17. 
Jahrhundert auf, greift aber auf ein viel älteres Wissen 
zurück, ähnlich wie in der Gnosis, bei Swedenborg, oder bei 
unseren Plattentexten haben die Werter hier mehrere 
Bedeutungen. Die Buchstaben eines Satzes werden wie in einem 
Anagramm immer wieder umgestellt, und legen eine neue 
Sinnschicht frei, die aber sehr wohl im Ausgangste;-; t 
enthalten ist. Die Kabbala kennt äußerst komplexe Regeln für 
diese Kombinatorik. In der folgenden Geschichte wird die 
einfachste angewandt , die Richtungsumkehrung. Der Text 
stammt aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts und wird dem 

Mi schnei ehr er Juda ben Bsthyra zugeschrieben. 

17. Golem 






dieser Warnung vordem Götzendienst und das von Enosch 
genommene Beispiel komme ich noch zu sprechen. Die 
Zerstörung des Golem erfolgt durch Umkehrung jener 
magischen Buchstabenkombinationen, durch die er ins 
Leben gerufen wurde, wozu noch die zugleich symbolische 
und reale Zerstörung des Siegels Gottes auf seiner Stirn 
tritt. Dies Siegel scheint im Laufe des magischen Schöp- 
fungsprozesses von selbst auf seiner Stirn hervorzutreten 
und nicht von den Adepten eingeschrieben zu sein. 

(c) Dieser Bericht ist nun in einem kabbalistischen Text aus 
dem Anfang des drei zehn ten Jahrhunderts auf sehr merk- 
würdige Weise erweitert worden. Der Zusammenhang 
zwischen den chassidischen Kreisen im Rheinland und in 
Nordfrankreich mit denen der alten Kabbalisten in der 
Languedoc, von denen diese Rezension stammt, ist hier 
besonders ersichtlich. In einem dem Mischnalehrer Juda 
ben jl athyr^ zugeschriebenen Pseudepigraphon stand zu 
lesen 47 : 

♦Der Prophet Jeremia beschäft igte | sich allein mit dem 
Buch Jezira. Da erging eine himmlische Stimme und 
sprach: Erwirb dir einen Genossen. Er ging zu seinem 
Sohn Sira, und sie studierten das Buch drei Jahre lang. Da- 
nach gingen sie daran, die Alphabete nach den kabbalisti- 
schen Prinzipien der Kombination, Zusammenfassung und 
Wortebildung zu kombinieren, und es wurde ihnen ein 
Mensch geschaffen, auf dessen Stirne stand: JHWH 
Elohim Emeth n . Es war aber ein Messer in der Hand jenes 


heuerschaffenen Menschen, mit dem er das von 

’emeth auslöschte; da blieb: meto. Da zerriß Jeremia seine 
Kleiderjwegen der hierdurch implizierten Blasphemie der 
Inschrift : Gott der Herr ist tot !] und sagte : Warum löschst 
du das 7 aleph von 'emeth aus? Er antwortete : Ich will dir ein 
Gleichnis erzählen. Ein Architekt baute viele Häuser, 
Städte und Plätze, aber niemand konnte ihm seine Kunst 
abmerken und es mit seinem Wissen und seiner Handfertig- 
keit aufnehmen, bis ihn zwei Leute überredeten. Da lehrte 
er sie das Geheimnis seiner Kunst, und sie wußten nun alles 


234 



auf die richtige Weise. Als sie sein Geheimnis und seine 
Fähigkeiten erlernt hatten, begannen sie ihn mit Worten zu 
ärgern, bis sie sich von ihm trennten und Architekten wie 
er wurden, nur daß sie alles, wofür er einen Talerj nahm, 
für sechs Groschen machten. Als die Leüte“d3smerkten, 
hörten sie auf, den Künstler zu ehren, und kamen zu ihnen 
und ehrten sie und gaben ihnen Aufträge, wenn sie einen 
Bau brauchten. So hat euch Gott in seinem Bilde und seiner 
Gestalt und Form geschaffen. Nun aber, wo ihr, wie Er, 
einen Menschen erschaffen habt, wird man sagen: Es ist 
kein Gott in der Welt außer diesen beiden! Da sagte Jere- 
mia: Welchen Ausweg gibt es also? Er sagte: Schrei bt die 
Alph abe te von hinten nach vorn in jene Erde, die ihr mit 
gesammelter Konzentration hingestreut habt. Nur medi- 
tiert nicht über sie in Richtung des Aufbaus, sondern viel- 
mehr umgekehrt. So taten sie, und jener Mensch wurde 
vor ihren Augen zu Staub und Asche. Da sagte Jeremia: 
Wahrlich, man sollte diese Dinge nur studieren, um die 
Kraft und Allmacht des Schöpfers dieser Welt zu erkennen, 
aber nicht, um sie wirklich zu vollziehen.» - 

Hier begegnen sich in der kabbalistischen Sicht der Golem- 
schöpfung zwei sich kreuzende Motive. In der Umdeutung 
und Bearbeitung des Berichtes ins Moralisch-Legendäre 
bricht ein noch tieferes Warnungssignal auf. Jene Schöp- 
fung des Golem, die den Chassidim die Bestätigung der 
Gottesebenbildlichkeit des Menschen war, wird in der hier 
vorgenommenen kühnen Erweiterung der Inschrift auf 
seiner Stirn zur Warnung: eine gelungene Golemschöp- 
fung, die nicht nur im Symbolischen sich vollzieht, würde’ 
nun den «Tod Gottes» einleiten 1 Die Hybris des Schöpfers I 
würde sich gegen Gott kehren. Dieser Gedanke wird von / 
dem anonymen Kabbalisten mit großer Deutlichkeit her- 
vorgehoben, während er in dem zweiten Bericht nur gerade 
angedeutet scheint. 

Das Motiv der Warnung vor solcher Schöpfung, nicht so 
sehr wegen der in ihr selber gelegenen Gefahr oder gar 




18. Musik 


€> 


19. Au-f der Suche nach einer Erklärung -für die Hintergründe 
des back wardmask i ng au- f Rock— LPs haben wir einige Hypothesen 
durchgespielt. Das einzige, was sich bislang gesichert sagen 

läßt, ist, daß es ein Wissen um die magische Technik der 
Umkehrung gibt. Beim Golemritus hatten die Alphabete ihre 
Wirksamkeit in Richtung au-f die Schöp-fung und — umgekehrt — 
in Richtung au-f die Vernichtung. Bei Crowl ey richtete sich 
das Vaterunser vorwärts an Gott und rückwärts an den Teufel. 
Bei den Satanisten gilt das gleiche vom aufrechten und auf 
den Kopf gestellte Kreuz. Es handelt sich also um eine 
komplementäre Bewegungen zwischen zwei Polen. 

Uns beschäftigt aber immer noch die weitergehende 
Frage, ob es zu diesem geheimen Wissen eine geheime soziale 
Trägerschaft gibt, die sich durch die Zeit erstreckt. Eine 
Bruderschaf t , eine Loge, Kanäle, Kreise von Eingeweihten, in 
denen das Wissen erhalten wurde, geschützt durch die Mauern 
der Initiation. Das Umfeld — Satanismus, Crawl ey , Kabbala — 
legt diese Vermutung nah. 

Wir wandten uns auf der Suche an das Fachblatt für 
paranoische Imagination 'Criti que ' . Und tatsächlich wurden 
wir in der Juli— Nummer von 1973 fündig. Eine gewisse 
Jennifer Ford schreibt hier über die ! Drawkcab— Sekte. Da sie 
zugibt den Namen nur der Bequemlichkeit halber erfunden zu 
haben — in ihren Quellen hat sie keinen oder vielmehr 
unendlich viele Namen auffinden können, mit denen die 
Mitglieder sich selbst bezeichnen — so können wir ihn für 
unsere Zwecke getrost eindeutschen und sprechen im Folgenden 
von den iSträwkcür. 


(Als Zitat oder Wir fassen Fords äußerst materialreichen 
Aufsatz zusammen:) 


21. "Im ausgehenden 12. oder frühen 13. Jahrhundert muß ein 
verbindlicher Kode;: von Schriften der ISträwkcür kompiliert 
worden sein. Er umfaßt den Ursprungs— Mythos von der 
Hi mme reppe, den Weg des Verfalls, nämlich den Abstieg aus 
der Ungeschi edenhei t in die Mannigfaltigkeit, und den Weg 
der Erlösung. Da dieses Werk verloren gegangen ist — oder 
bis heute erfolgreich gehei mgehal ten wird — sind wir auf 


apokryphe Schriften angewiesen. 

Aus ihnen läßt sich foloende 


.ehre rekonstruieren 


die Katastrophe, der Urkn< 


ellei cht ein 


Irrtum. Damit setzt der Fluch des Werdens ein, das 
ausei nanderstr ebende Universum, die Zeit, die Geschichte, 
die Vielfalt der Erscheinungen, die uns immer weiter vom 
ursprünglichen Ungeschiedenen trennt. Die Vorstellung, daß 
die Zeit zirkulär sei, man also abwarten könne, bis alles 
quasi von selbst zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, halten 
die Sträwkcür für einen infamen Irrglauben. Es gibt keinen 
Kreis, der sich schließen könnte. Der Zerstreuung läßt sich 
folglich nur durch die Rückkehr begegnen, und das heißt die 
Umkehrung. In das Ungeschiedene, das einige auch "den 
Garten" oder "Paradies" nennen, kommt man 1 ftur durch die 
Anstrengung, durch die Arbeit, die Maschine der Zeit 
zurückzudrehen . 


Besondere Aufmerksamkeit verdient das immer 



R ü c h w ä r 1 5 . 


wiederkehrende Motiv der Treppe. So -finden wir in einer 
Abhandlung des arabischen Forschungsreisenden Ahamd Ibn 
Dschubair aus dem Jahre 1632 die Erwähnung einer negativen 
Treppe, die man nur rückwärts hochsteigen kann. Versuche man 
jedoch, vorwärts hinaufzusteigen, werde je sie länger, desto 
hoher man steigt. Christlich würde man dieses Si ch— Umwenden 
als Bekehrung bezeichnen. Beide Male geht es um ein 
Ein lenken auf den rechten Weg, als Abkommen von einem Abweg. 
Der Umkehr geht also die verkehrte Richtung voraus. 

Aber nicht nur man selbst, alles was ist, muß in seinem 
Werden umgekehrt werden. Der gleiche Schwung, der es in der 
Zeit vorantreibt, muß am Angelpunkt umgelenkt werden, wie 
die Kraft des Angreifers im Aikido. Alles was gesagt wurde, 
muß ungesagt gemacht werden. Stück -für Stück storniert, 
ausgebucht aus dem kosmischen Journal. Aufgehoben. 
Zurückgeschleudert , da.hin wo es herkam. "Aus Nichts wirst du 
geboren und ins Nichts wirst du gehen." 

Ein lateinischer Text, der durch einige Eigenheiten in 
der Diktion auf eine nordspanische, eventuell maurische 
Duelle schließen läßt, -führt ein Bild ein, das an jene 
russischen Holzpuppen erinnert. Wie bei ihnen legt sich um 
einen leeren Kern Schicht um Schicht von Zeichen und 
Bedeutung, Anha-f tungen akkumulierter Geschichte, 
Alterspatina. Die vorgeschlagene Strategie nimmt die Puppen 
wieder auseinander, kratzt die Schichten ab. Im Ergebnis 
eine reductio ad nihi lern. 

Auch das Orpheus— Mot i v wurde von den ISträwkcür 
auf genommen und als Schutz wall um ihren gehei mgehal tenen 
Rückkehr— Glauben funktionalisiert. "Es gibt keine Rückkehr 
aus dem Tod" wollen uns die verschiedenen Varianten dieses 
Mythos weismachen. Jennifer Ford schreibt 
im -folgenden von einem V»c NT UM 
Entropie-Modell , das die Ir reversibilität in Zeit 

einführt und damit dem Sträwkc ür— Gl auben scheinbar den Boden 
entzieht. Zum Beleg, daß das nur ein Abwehroechni siüus gegen 
Neugierige sei, führt Ford einige Physiker an. Die 
behauptete Nähe, gar Mitgliedschaft dieser Männer bei den 
ISträwkcür halten wir für zumindest suspekt. 

Dennoch hat das absichtsvoll in die Welt gesetzte Tabu 
auf dem Blick zurück eine unbestreitbare Plausibilität. Es 
wird von den Sträwkcür durch woh 1 pl az i ert e Erzählungen und 
Gerüchte geschürt. Die Angst soll die Masse Volks vom Weg 
der Erlösung fernhalten. Selbst innerhalb der Sekte wird um 
die wahre Bedeutung der Liturgien (z.B. Hören des "Weißen 
Albums") der Schleier des Geheimnisses gewahrt. Erst den 
Adepten des 6. Grades, magus major, also kurz vor Aufnahme in 
den Inneren Kreis, wird diese enthüllt. 

Aber es hat immer wieder medial begabte Sehr i f tstel 1 er 
geben, die aller Verschei erungstakti k zum Trotz msehr von den 
ISträwkcür erahnten, als sie wissen kennten. Samuel Butler 
bspw. war, nach allem was bekannt ist, kein Mitglied der 
Bruderschaf t . Mit seinem Roman "Erewhon" hat er dennoch dem 
Reve-rsi onsvorgang ein Monument gesetzt. Wenn auch 






verschlüsselt. Er will uns glauben machen, die Bewohner von 
Erewhon hätten die Technik in ihrem Land " abgescha-f f t " . Eine 
äußerste unglaubwürdige Erklärung, wenn man die 
Technikentwicklung in allen anderen Ländern der Erde 
vergleicht. Es handelt sich natürlich um eine Chi f f re -für 
"Umkehrung". Dieser Prozeß setzt in einem sozialen Gebilde 
immer an den jüngsten Neuerungen an, der Technik. Aber 
das ist natürlich nur die erste Station auf dem Weg zurück. 

Hat die Reversion nach den Zivilisationstechniken erst 
einmal auf das Wissen selbst übergegriffen, macht sich 
leider der paradoxe Selbstaufhebungseffekt , der im Kern des 
sträwkcür i sehen Glaubens steht, bemerkbar. Je umfassender 
das Wissen um die Umkehrung ist, desto vollständiger wird es 
ausgelöscht werden. Das ist seiner Überlieferung sehr 
hi nder 1 i ch . 



Musi k 



23. Wir sind den Quellenhinweisen von Jennifer Ford, soweit 
verfügbar, nachgegangen und dabei auf einige Häretiker und 
Ketzer gestoßen, die für unsere Fragestellung von Belang 
sind. Aus Mangel an Raum fassen wir sie im folgenden 
zusammen, obwohl sie es verdienen würden, ausführlich 
zitiert zu werden. 

Im 2, Jahrhundert unserer Zeitrechnung führte der kühne 
Wuang Chu eine Neuerung in das Denkgebäude der Sträwkcür 
ein. Im Zentrum stand der Phönix. Der Umkehrung des Werdens 
hielt er die Umkehrung des Vernichtens entgegen. Vielleicht 
weil er in einer kr i egeri sehen Zeit lebte und von 
Vernichtung und Tod umgeben war, schöpfte er Kraft aus der 
Vorstellung, daß das Universum im Feuer vergehe und aus dem 
Feuer neu entstehe. Die Essenz seiner Lehre kann man sich 
als eine Art Pendeln vorstellen, zwischen dem Sein und dem 
Nicht— Sein. Alles, was ist, wird nach dem Durchlauf der 
Strecke. zurückgeworfen und und durchläuft sie noch einmal. 
Seine Schüler lehrte Chu, sich still an den Wegesrand zu. 
setzen und dem Kommen und Gehen zuzuschauen. Sie sollten die 
Sinnlosigkeit dieser Unrast verstehen und die äußerste 
Bereitschaft zur Stille erwerben. Dies sei nur möglich, wenn 
man in immer kürzeren Abständen die Richtung wechselt, Feuer 
und Phönix zugleich ist, schließlich auf einem Punkt 
verharrend rasend schnell rotiert. Das Ziel ist: jede 

Handlung durch eine Nichthandlung und jede Nichthandlung 
durch eine Handlung aufzuheben, jeden Schritt auf dem Weg 
ins Sein durch einen auf dem Weg ins Nichts. Ohus Glaube 
wurde von den einen für ketzerisch von anderen für heroisch 
gehalten. Er bewahrt sich in einem nicht ganz unbedeutenden 
Nebenzweig der Bruderschaft bis auf den heutigen Tag. 

In Umberto Rizzitanos großem Buch über die Geschichte 
der Araber fanden wir einen weiteren Ketzer. Hassan Ibn 
Car 1 i 1 behauptete, daß die gängigen Praktiken der 
Bruderschaft nur zum regressus ad inf initum führten, und 
damit zum Scheitern verurteilt seien. Vielmehr brauche man 





Rüchv.ä rts 




nur einfach nichts zu tun, nicht mehr zu handeln, aber auch 
den Wahren Kräften keinen Widerstand entgegensetzen. 

Die Physik würde das Phänomen heute so erklärt: den 
expansiven Kräften, die vom Urknall in die Geschichte 
drängen, steht ein Bog entgegen, der vom Ursprung ausgeht. 
Antiteilchen, die sich in der Zeit rückwärts bewegen. Diesem 
Sog brauche man sich nach Carlil nur zu öffnen, um auf den 
Weg der Erlösung zu gelangen. 

Wieder eine andere Absplitterung der Sträwkcür 
behauptete, der Kurzschluß ins Glück liege im Spiegel. Wie 
der Lichtstrahl im Spiegel müsse die Zeitachse zu ihrem 
Ursprung zurückgeworfen werden. Ihre Mitglieder stellten den 
Spiegel ins Zentrum der Rituale. Dem wurde von dogmatischer 
Seite entgegengehalten , daß der Spiegel wie der 

Geschlechtsakt die Zahl der Menschen vermehre, statt sie zur 
Ureinhei t zu führen. Außerdem kehre der Spiegel zwar die 
Buchstaben um, nicht aber die Sätze, geschweige denn den 
S x n n . 

Ein Eingeweihter dieses Teils der ! Sträwkcür ist 
allgemein bekannt . Lewis Carol 1 hat mit "Alice hinter den 
Spiegeln" ein Buch geschaffen, in dem all ihre Weisheit 
enthalten ist. Man muß es nur zu lesen wissen. 



LEWIS CARROLL 


. . . und deshalb hob Alice das Kätzchen zur Strafe zum Spiegrl 
über dem Kamin hinauf, damit es sehen konnte, wie mürrisch p» 
dreinschaute ; und wenn du dich nicht auf der Stelle besserst“, sagte sie 
dazu, „dann stecke ich dich in das Haus hinterm Spiegel. Und was machst 
du dann? 



n 


Also, wenn du einmal ordentlich zuhörst, Mieze, und nicht dauernd 
dazwischenredest, will ich dir erzählen, wie ich mir das Haus hinterm 
Spiegel vorstelle. Zuerst einmal kommt das Zimmer, das du hinter dem 
Glas siehst - das ist genau wie unser Wohnzimmer, nur ist alles verkehrt 
herum. Wenn ich auf einen Stuhl steige, kann ich alles genau erkennen bis 
auf das Stück hinter dem Kamin. Ach, wenn ich da doch auch hinein S eh«. n 
könnte ! Ich wüßte zu gerne, ob sie dort im Winter auch ein Feuer brennen 
haben; genau weiß man das nämlich nie - höchstens, wenn unser 
Kaminfeuer qualmt, dann qualmt es in dem andern Zimmer auch: aber 
vielleich t tun sie dort nur so, damit es wie ein Feuer aussehen soll. Nun ja, 
und die Bücher sind auch ungefähr wie die unsern, nur laufen die Wörter 
alle nach der falschen Seite, soviel weiß ich, denn ich habe schon einmal ein 
Buch vor den Spiegel gehalten, und dann halten sie einem von drüben aus 
dem Zimmer genauso eins entgegen. 


Wie gefiele dir das, Mieze, wenn du in dem Haus hinterm Spiegel wohnen 
müßtest? Ob sie dir dort auch deine Milch zu trinken gäben? Aber 
vielleicht schmeckt Spiegelmilch nicht so besonders gut - aber jetzt, 
Mieze, jetzt kommen wir zum Korridor ! Davon kann man einen winzigen 
• Blick erhaschen, wenn man bei uns die Wohnzimmertür weit aufmacht; 
,_der Korridor ist dann dem unseren sehr ähnlich, soviel man davon sehen 
kann, aber dahinter könnte er natürlich ganz anders sein. Ach, Mieze ! Wie 
schön das wäre, wenn wir in das Spiegelhaus hinüber könnten ! Sicherlich 
gibt es dort, ach ! so herrliche Dinge zu sehen! Tun wir doch so, als ob aus 
dem Glas ein weicher Schleier geworden wäre, daß man hindurchsteigen 
könnte. Aber es wird j a tatsächlich z u einer Art Neb el! Da kann man ja 
mit Leichtigke it durch Jund während sie das sagte, war sie schon auf' 
(J dem Kaminsims, sie wußte selbst nicht wie, und wirklich schmolz das 
I Glas dahin, ganz wie ein heller, silbriger Nebel. 

Aus: Alice hinter den Spiegeln, 
übersetzt von Christian Enzensberger, 

Frankfurt am Main 1963, S. 19-22 



Musi k 



2 fc. Mortimer^Pivot, ein australischer Journalist, hat bei 
seinen ausgedehnten Nachforschungen in den Jahren 1979— 82 
viele wertvolle Hinweise über die heutigen Manifestationen 
der Sekte zu Tage gefördert. So gebe es Logen, die 
Experimente über den Einsatz des Computers ausführten. Eine 
Art Automatisierung der Umkehrung und Auslöschung al 1 er 
elektronisch gespeicherten Information. 

Bei Hof stadter findet sich ein Krebs— Programm , das sich 
selbst rückwärts ausdruckt. Es liegt nahe, ein Programm zu 
entwerfen, das aus der Anweisung besteht, sich selbst zu 
löschen. +frrcf Versuche in diese Richtung sind von den 
Universitäten in Minneapolis und Chicago bekannt. Pivot 
vermutet, daß es sich dabei nur um Vorarbeiten handelt. Das 
eigentliche Interesse gilt dem Programm, das sich selbst und 
sämtliche weltweit vorhandenen Daten löscht — dem 
Gott es programm. 

Bei den Computer— Vi ren könne es sich um die nächste, 
wenn auch wohl kaum die letzte Entwicklungsstufe handeln. 
Computer vi ren greifen nachgerade chirurgisch in 
Benutz erproqramme ein und bringen mit jedem Mal, daß ein 
Programm gestartet wird, das System seinem Ende ein Stück 
näher. Sie benutzen also eine Vorwärtsbewegung , um das 
System als ganzes in eine Rückwä.rtsbewegung zu versetzen. 

Pivot schließt: "Vielleicht ist das nur die Spitze des 

Eisberges, der aus der Zukunft im Rückwärtsgang auf uns 
z u kommt . " 


Musi k 



28. Vermutlich ist das Wissen um die Richtungsumkehrung nach 
einer gewissen Zeit, eines des ältesten überhaupt. Wir 
hatten es bereits an der Kabbala gesehen. Zum Abschluß 
bef ragen * nun die Ethnologie, die die ältsten Erzählungen der 
Völker und Stämme zusammenträgt. Vielleicht gelingt es uns 
mit ihrer Hilfe emf t'f'cTi, der Bedeutung des Backwardmasking 
auf die Schliche zu kommen. 

kl 9 * Bor( 3 es (^ j 



' 


( 

Das Himmlische Pferd ähnelt einem weißen Hund mit 
schwarzem Kopf. Es hat fleischige Flügel und kann fliegen. 

In der Region des Sonderbaren Armes haben die Bewohner 
einen Arm und drei Augen. Sie sind bemerkenswert geschickt 
und fertigen lliegende Wagen an, mit denen sie auf dem Winde 
reiten. 

Der Ti-tschiang ist ein übernatürlicher Vogel, der in den 
Himmlischen Bergen lebt. Er ist von braunroter Farbe, hat 
sechs Füße und vier Flügel, aber er hat weder Gesicht noch 
Augen.« 

T'ai-p’ing Kmng-lschi 

Fauna der Vereinigten Staaten 

Die scherzhafte Mythologie der Holzfällerlager von Wisconsin 
und Minnesota enthält einzigartige Wesen, an die sicherlich 
niemand je geglaubt hat. 

Der Hidebehind sitzt immer hinter irgendetwas. So oft ein 
Mann sich auch umdrehen und wenden mag, immer hat er ihn 

L hinter sich, und daher hat ihn noch niemand gesehen, obwohl 
er schon viele Holzfäller getötet und verschlungen hat. 

Der Roperite, ein Tier von der Größe eines Ponys, hat einen 
Schnabel wie ein Seil, der ihm dazu dient, selbst die schnellsten 
Kaninchen einzufangen. 

Der Teakettler verdankt seinen Namen dem Geräusch, das er 
macht - wie Wasser, das in einem Teekessel kocht; Rauch 
dringt aus seinem Mund, er läuft rückwärts, und man hat ihn 
nur selten zu Gesicht bekommen. 

Der Axehandle Hound hat einen Kopf in der Form einer Axt, 
sein Körper hat Ähnlichkeit mit dem Axtstiel, er hat kurze 
dicke Beine und ernährt sich ausschließlich von Axtstielen. 

Unter den Fischen dieser Gegenden findet man die Upland 
Trouts, die ihr Nest in Bäumen bauen, gut fliegen können und 
wasserscheu sind. 



46 


Ferner gibt es dort den Goofäng, der rückwärts schwimmt, 
damit das Wasser ihm nicht in die Augendringe. Er hat »genau 
die Form des Radfisches, nur ist er viel größer«. 

Und vergessen wir nicht den Goofus Bird, einen Vogel, der 
sein Nest umgekehrt baut und nach hinten fliegt, denn er ist 
nicht daran interessiert, wohin er sich begibt, sondern nur 
daran, woher er kommt. 

Der Gillygaloo baut sein Nest an den steilen Abhängen der 
berühmten Pyramid Forty und legt viereckige Eier, damit sie 
nicht hinunterrollen und verlorengehen. Die Holzfäller kochen 
diese Eier und benutzen sie als Würfel. 

Das Pinnacle Grouse hat nur einen Flügel, der ihm nur in 
einer Richtung zu fliegen erlaubt, und so umkreist es endlos 
einen kegelförmigen Hügel. Die Farbe seines Gefieders wech- 
selt, je nach Jahreszeit und Zustand des Beobachters. 


Die Feen 


Im Spanischen hängt ihr Name >Hadas< mit dem lateinischen 
Wort Jatum, Schicksal, zusammen. In magischer Weise greifen 
sie in die Abläufe des menschlichen Lebens ein. Man sagt, die 
Feen seien die zahlreichsjen, schönsten und denkwürdigsten 
unter den kleineren Gottheiten. Sie sind nicht auf eine einzige 
Gegend oder Epoche begrenzt. Die alten Griechen, die Eskimos 
und die Indianer erzählen Geschichten von Helden, die die 
Liebe dieser phantastischen Geschöpfe errungen haben. Solche 
Abenteuer sind gefährlich; gelegentlich tötet die Fee ihre Lieb- 
haber, wenn ihre Leidenschaft erst befriedigt ist. 

In Irland und Schottland spricht man ihnen unterirdische 
Aufenthaltsorte zu, wo sie die Kinder und die Männer, die sie 
zu entführen pflegen, gefangenhalten. Nach allgemeinem 
Volksglauben gehörten ihnen einst die neolithischen Pfeilspit- 
zen, die auf den Feldern ausgegraben werden und denen man 
unfehlbare Heilkräfte beimißt. 


3-L|3>oi < k y 


clM u fyj / ' 




30= Nach dem japanischen Volksglauben kommen dem Menschen 
im Leben nu.r 60 Jahre zu. Der 60. Geburtstag ist ein 
ritueller Neubeqinn. Bei der Initiation wird wie dem 
Neugeborenen eine rote Kappe und ein rotes ärmelloses Kleid 
angelegt. Beim letzten Übergang , der Totenfeier, wird zum 
Zeichen, das der Mensch letzt einer anderen Welt angehcrt, 
alles verkehrt gemacht: Zum Lei chenwaschen wird das heiße 

zum kalten Wasser geschüttet, das Leichengewand wird von 
rechts nach links geschlossen, der Kopf nach Norden gelegt. 

Unser Bild von der Umkehrung hat sich durch diese 
Mythen gewandelt. Sie nimmt den Menschen die Angst vor der 
Irreversibilität des Todes. Sie spiegelt in närrischen 
Figuren und in Ritualen das Leben wieder. Sie ist zu. einer 
erhaltenden Kraft geworden. 

Hier ist der Spieß umgekehrt. Waren bei allen 
vorangegangenen Erscheinungsformen die Umkehrungen 
Ausnahmen, untergründ i g , in jedem Fall peripher, so sind sie 
hier die F;egel . Diese Regel besagt, daß sich die Regeln zu 
ihrem Erhalt in ihrem Verstoß spiegeln müssen. Dieser 
Zusammenhang wird in einem Aufsatz aus der 'V max Nr. 3, 
Zeitschrift auf der Überholspur, Sondernummer : Vom Un— zum 

Irrsinn' deutlich herausgearbeitet. Wenn dieser Text, dessen 
Urheberschaf t nicht zu. recherchieren war, recht hat mit dem 
was er am Stamm der Cro« entwickelt, so hätten wir eine 
Antwort auf unsere Frage. Dann wäre nämlich die Umkehrung 
eine der grundlegen sten Form des Sozialen überhaupt. Und die 
I Sträwkcür und der Satanismus mit seinen Rückwärtsplatten 
waren nichts anderes als die Spiegelung einer Spiegelung. 

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31 J Irre Hunde (Kursbuch 63) + Narren 



rückwärts-1 



OBER HUNDE, TOTE UND NARREN 



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Zu den vielen merkwürdigen Phänomenen, mit denen die 
Indianer Nordamerikas die Welt bereichert hatten, gehörten 
auch die sogenannten Hunde-Gesellschaf ten der Stämme am 

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oberen Missouri. Wahrscheinlich haften siKj' im 18. 
Jahrhundert vor der Vernichtung des indianischen 
Lebensraums durch die vordringende weisse Zivilisation, ihre 
Büiiheiexb— gehabt . Sinn und Zweck dieser Organisationen, die 
man auch Vereine oder Banden nannte, lassen sich sicher nur 
noch ^-r"a gm e h~b k r xs aus den Erzählungen früher Reisender 
oder den Berichten ehemaliger Mitglieder er schliessen . Nur 
eins ist sicher: überall kehrten sie die Regeln des 
Stammesalltags um. "Sie sind frei von Furcht; sie lieben 
den Ungehorsam ; sie mißachten die Inzest-Verbote ; nichts 
ist ihnen heilig" - mit diesen Worten leitet Fritz Kramer 
(1981) seinen Kursbuchartikel über die indianischen Kyniker 
ein. Aber auch wenn sie taten, was normalerweise streng 
sanktioniert wurde, so handelte es sich bei den Hunden doch 
in keiner Weise um "Dissidenten”, um Rebellen oder 
Aufrührer gegen die Sitten des Stammes; ihre 
Regelverletzungen waren ein selbst geregeltes Spiel. Man 
muß sich die Hunde als Männer von hohem Ansehen 
vorstellen . 

In einem überlieferten Satz wendet sich der Gehilfe 
mit folgenden merkwürdigen Worten an Gelben Hund, der das 
Amt des Himmlischen Hundes, des Stifters der 
Hundegesellschaft, innehat: " Dir schließe ich mich an, denn 
ich stelle den Menschen dar." Die Hunde pflegten die 




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verkehrte Rede. Sie taten immer das Gegenteil von dem, was 
sie sagten. Und ein Hund erwartete auch, daß andere das 
Gegenteil von dem taten, was er befahl. Schließlich liebten 
die Hunde den Ungehorsam. Gelber Hund spricht so zu den 
Kriegern: "f Venn ihr gegen die Feinde kämpft und der Echte 
Hund vorangeht , müßt ihr sagen: Geh voran und wirf dich auf 
den Feind. Dann muß er umkehren. Sagt ihr aber: Komm 
zurück, halte dich fern vom Feind, dann muß er sich mitten 
unter sie werfen.” 

Die Hunde waren Krieger. Als solche nahmen sie am 
permanenten Spiel um die Ehre teil. In Gesellschaften ohne 
Staat hat dieses Spiel um die Ehre eine besondere Bedeutung 
für die Regelung der sozialen Beziehungen; innerhalb des 
Stammes, aber auch gegenüber den Nachbarn. Neben den 
Verwandschaftsbeziehungen bestimmt sich in 

Stammesgesellschaften das soziale Ansehen wesentlich über 
die Spielregeln eines strengen Ehrencodex. Wer gegen ihn 

verstößt, wird sozial geächtet. Als Krieger nun, wenn man 

. ( 2 ) 

.^gegen den Feind anritt, waren die Hunde untadelig. Sie 

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waren durch ihre Organisation in so hohem Maße zur 
Furchtlosigkeit und Tapferkeit verpflichtet, daß man von 
ihren Amtsträgern sagte, sie seien zum Sterben verurteilt. 
Überlebte einer dieser besonders ausgezeichneten 
Würdenträger seine Amtszeit, so war er für immer dem 
Gespött preisgegeben. 

Aber die Hunde waren nicht nur Krieger. Sie hatten 
sich die Pflicht und das Recht erworben, wie Hunde zu 


3^ 

leben. Wie Hunde, das hieß auch schamlos. Sie waren nicht 



nur dazu verpflichtet, rohes Fleisch zu verschlingen, das 
man ihnen auf den Boden warf, sondern sie verletzten auch 
das Inzesttabu. " Echter Hund lehrte , die Leute sollten bei 
Aufführung des Hundetanzes die Tür schließen und sich im 
Dunkeln frei ihren Lüsten hingeben , ohne auf 
Verwandtschaftsgrade zu achten, wie Hunde es tun." Was die 
Hunde taten war nach dem gültigen Ehrencodex also 
zweifelsohne ehrlos. 

Hatten sich die Hunde innerhalb des Stammes nur ein 
Privileg verdient? Der Informant suggeriert es: "Das wurde 
in Anbetracht der Gefahren gewährt, denen die Hunde sich im 
Kampf aussetzen." Aber es macht keinen Sinn, eine so 
zentrale Tabuverletzung wie den Inzest als Privileg für 
kriegerische Leistungen zuzugestehen, die schließlich auch 
andere erbrachten. Kramer sieht in den Regeln der Hunde so 
etwas wie eine List im Spiel um die Ehre. "Die Echten Hunde 
halten sich an die Spielregeln , an die alle sich halten, in 
umgekehrter Lesart, aber letztlich mit dem gleichen Ziel: 
Alle Rücksichten des gewöhnlichen Lebens setzen sie zurück, 
um sich für das Spiel um die Ehre frei zu machen, um sich 
im Wettstreit um Coups den Vorteil vollkommener 
Furchtlosigkeit zu verschaffen. Darum genießen sie die 
höchsten Ehren, obwohl sie "ehrlos" , wie Hunde, leben." Ein 
Trick also, der größte Coup. Demnach war es kein Privileg, 
was sich die Hunde herausnahmen , weil sie sich verdient 
gemacht hätten, sondern sie warfen ihr soziales Prestige 
weg, um alles auf eine Karte zu setzen, mit der sie noch 
mehr zurückzubekommen hofften. Sie waren ehrenhaft, ohne 


tugendhaft zu sein. 



rückwärt s - 4 

Wenn dem so ist, dann muß es eine Meta-Regel gegeben,, 

haben ^ mit der die Regelverletzung^ in das Stammesleben 

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integriert wurd^ rohneSanktio nfr aet w e rd en — Der 
Trick der Hunde mußte legitim sein - und das Treiben der 
Hunde wurde schließlich anerkannt. Diese Anerkennung war 
nicht nur eine Wertschätzung der kriegerischen Leistungen 
der einzelnen Hunde, sondern auch die Anerkennung der 
Regelverletzung selbst. Wie die Toten und die Narren 
standen die Hunde außerhalb der Regeln des Stammes - und 
gehörten gerade dadurch dazu. Ein Paradox. Es gehörte zu 
den Regeln des Stammes, daß es die gab, die sie 
durchbrachen. Vielleicht könnte man das als das Prinzip 
einer ironischen Gesellschaft ansehen. 

* 

Der Tote, der Hund und der Narr stehen in einer 
besonderen Beziehung zueinander. Jeder Hund war eigentlich 
schon ein Toter, wenn er seinen Schwur getan hatte. Er war 
der Überwinder der Furcht vor dem Tod, weil er schon tot 
war. Mit dem Narren verband ihn die Befähigung, Wahnsinn zu 
bringen; zumindest wurde das den Hunden nachgesagt. 
Einzelne, die keiner Gesellschaft angehören mußten und 
keine Coups in den Schlachten sammelten, sich aber dennoch 
dem Tod durch einen öffentlichen Schwur ausgeliefert 
hatten, nannte man Irre Hunde, die sterben wollen. Bis zu 
ihrem Tod pflegten sie die verkehrte Rede und lebten sie 
die verkehrte Welt. Angeblich sollen sie die Lieblinge der 



rückwärts- 5 


Frauen gewesen sein. Kramer zitiert überlieferte Anlässe 
für einen solchen Schwur: "ein junger Mann hat ein 
unheilbar krankes Knie ; ein Mann hat viele Verwandte 
verloren ; ein junger Mann, dessen Vater gestorben ist, 
sieht, wie seine Pferde leiden, da keiner so gut für sie 
sorgt wie sein verstorbener Vater; ein Mann ist unzufrieden 
mit der Art, in der die Regierung Rationen verteilt." Man 
nannte sie Irre Hunde, aber es gibt, wie Kramer anmerkt, 
" keinen Hinweis darauf, daß man sie selbst für wahnsinnig 
hielt. " 

Dennoch haben die Hund etwas mit den Narren gemein. 
Beide gehen rückwärts durchs Leben und schauen sich die 
Dinge von hinten an. Sie erinnern den Stamm an die 
Regelhaf tigkeit seiner Regeln, an die Menschenmöglichkeit 
anderer Welten - und der Stamm räumt diesem verbotenen 
Blick auf seine Rückseite einen eigenen Platz ein. 


* 


Die Indianer Nordamerikas kannten wie wohl alle Stämme 
den Unterschied zwischen dem weisen und dem törichten 
Narren. Der weise ist einer, der es schafft, mit seiner 
Eigen-Art soziales Prestige zu erlangen, während der 
andere, der dumme und tölpelhalf te Clown, der seinen spieen 
nicht symbolisch zirkulieren lassen kann, in seiner 
Einsamkeit zurückkbleibt . Er wird verlacht, nicht ernst 
genommen. Aber— er bleibt der Begleiter der Anderen. Im 
Lachen über ihn erkennt die Gesellschaft die 
Regelhaf tigkeit ihrer Regeln. Sein unerklärliches 



anders-Sein ist ein Erinnerungszeichen des Als 
Ob-Charakters der Wirklichkeit. Es ist der Spiegel des 
Stammes im permanent stattfindenden Umkleideraum der 
ontologischen Doppelexistenz von Person und Darsteller. 
Eine Gesellschaft, die diesen ihren Spiegel nicht 
zerschlägt, die ihrer eigenen Desillusionierung lachend 
begegnet, ist eine ironische Gesellschaft. 

Der weise Narr spielt nicht nur nicht gemäß der 
Regeln, sondern er spielt mit ihnen. Er ist ihr Wächter, 
der ihre Erstarrung zum Gesetz verhindert. Daher haben die 
Gesellschaften des Gesetzes ihn ausgegrenzt und kaserniert. 

Der Narr spielt mit der Wirklichkeit. Aus ihrem Raum 
macht er einen 3-Torus, einen Raum, durch dessen Rückwand 
man erscheint, wenn man ihn an seiner Stirnseite verläßt. 
Er ist die überraschende Vekehrung der ehernen Ordnung, die 
einen mit der Rückseite der Erscheinungen kofrontiert. Ein 
merkwürdiger Spiegel, der nicht das Selbst-Bild, sondern 
den Hintergrund der eigenen Existenz zurückwirft. 

Der Narr ist die Bedeutungslosigkeit des Unterschieds 
und die Bedeutsamkeit des Gegenteils. Er ist die Verkehrung 
des Männlichen ins Weibliche und umgekehrt. Er sagt nein 
statt ja und ja statt nein, er geht das Leben rückwärts und 
wird vom Krieger zum Kind. 

Der Narr ist töricht oder weise, er steht am Anfang 
und am Ende des Lebens; aber er ist auch die Implosion der 
Pole. Als Un-Person ist er die unbezeichnete Null; er 
schließt den Kreis, dessen Schein er durchbrochen hat. Er 
ist Zerstörer und Schöpfer. Aus dem Ende macht er einen 



rückwärts-7 


Anfang, womit alles weitergehen kann. 

Vielleicht wird nur dort, wo Hunde und 
herumlaufen, die rückwärtige Kraft nicht von 
schwarzer Magie gelenkt. 


Narren frei 
den . Zwecken 


Literatur 

Woltgang Wei rauch, Natas-Satan, Flensburger Hefte 19 
David Felton, Interview mit Charles Manson in: Felton, 

Mi ndfuckers 

Al ei st er Crawl ey, Magick 


chu, Zum Narren in: V Max Nr. 3, Zeitschritt aut der 

überhol spur , Vom Unsinn zum Wahnsinn 
Ci oran 

Borges . 

^Kursbuch £-3) fvi Kv »o Iw y I KV-C-- 
Gebrüder Grimm 
Feynman, Lectures 

Lewis Carol 1 , Alice hinter den Spiegeln 
Bibel 


L?(*JrK a l* ^VötC-lW^ 2-wV ^-‘C^^ölLa